Schädigen Pestizide unsere Gesundheit?

Und wenn ja: Was genau richten sie an? Das wollten rund 70 Interessierte am 13. Dezember 2016 genauer wissen. So war der Vortragsraum im Mammendorfer „Restaurant zur Sonne“ bis auf den letzten Platz besetzt, was die Veranstalter – Vertreter der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL), des Bund Naturschutz sowie der Arbeitsgruppe Zivilcourage – sichtlich freute.

Vortrag Dr. Clausing

Trotz Vorweihnachtszeit war der Vortrag von Dr. Peter Clausing zum Thema Pestizide bestens besucht.

 

 

 

Besonders in der hektischen Vorweihnachtszeit sind anspruchsvolle und zeitkritische Veranstaltungen zuweilen weniger erfolgreich. Nicht so hier: Die Veranstalter hatten den Toxikologen Dr. Peter Clausing vom Pestizid Aktions-Netzwerk e. V. für einen Vortrag in den Landkreis eingeladen und damit den Nerv der Zeit getroffen.

Immer mehr Pestizide – immer mehr Krankheiten
Dabei hat Dr. Clausing die Zuhörer durchaus gefordert: Er referierte über epidemiologische Studien zur Entwicklung verschiedener Krebsraten, über die Zunahme chronischer Krankheiten oder über Erbgutschädigungen ebenso wie über die Bedeutung einer intakten Zellkommunikation und den dramatischen Folgen, die Störungen des Hormonsystems haben können.

Ebenso vielfältig wie die möglichen Erkrankungen war die Anzahl der heute verwendeten Pestizide. Allen voran Glyphosat, das heute am häufigsten eingesetzte und umstrittenste Ackergift. Dabei kam auch zur Sprache, wie schwierig für Kritiker des verstärkten Pestizideinsatzes die Beweisführung sein kann: Da Menschen stets einem „Cocktail“ aus verschiedensten Umwelt-Chemikalien ausgesetzt sind, kann man die Ursache von Erkrankungen nur selten auf einen potenziellen Verursacher zurückführen.

Risikoberuf: Landwirt
In Bezug auf Pestizide ist jedoch klar, dass Landwirte diesen Stoffen ungleich stärker ausgesetzt sind als andere Menschen. So zählt in Frankreich Morbus Parkinson unter Landwirten bereits zur anerkannten Berufskrankheit – auch wenn dort ebenfalls der Nachweis nur unter strengen Voraussetzungen geführt werden kann.

Damit sich auch in Deutschland eine solche Anerkennung von Berufskrankheiten – mit den dazugehörigen Entschädigungen für betroffene Landwirte – durchsetzen könnte, müsste es mehr Unterstützung von Seiten der Behörden geben. Die aber halten sich bisher bedeckt.

Während neue Wirkstoffe relativ leicht das Zulassungsverfahren durchlaufen und damit auf den Markt kommen, vergehen bei Verdacht auf gesundheitsschädigende Eigenschaften oft Jahrzehnte, bis ein Verbot durchgesetzt werden kann. Der freiwillige Rückzug eines Pestizids von Seiten der Industrie ist zudem noch nie vorgekommen.

Warum werden Verbraucher nicht geschützt?
Nach dem rund einstündigen Vortag von Dr. Clausing, geballt mit Informationen, brannten die Zuhörer darauf, Fragen zu stellen: Handelte es sich bei den Risiken nur um Vermutungen oder um wissenschaftliche Erkenntnisse? Warum werden Verbraucher von den Bundesbehörden nicht früher informiert und geschützt? Welche Alternative gibt es für Landwirte?

Dr. Clausing bemühte sich, allen Fragen gerecht zu werden: Nein, es handele sich nicht nur um Vermutungen, da zahlreiche Tierversuche die gesundheitsschädigende Wirkung von Pestizidwirkstoffen untermauern. Der Schutz der Bevölkerung werde schlicht durch intensive Lobbyarbeit der Industrie verhindert. Die Alternative sei einzig der Verzicht auf diese Stoffe, wie es die Biobauern bereits vormachen.

Der Wunsch nach makellosen Lebensmitteln
Das brachte die Landwirte unter den Zuhörern auf die Barrikaden: Der Balanceakt zwischen kostendeckender Arbeit, dem Druck genug zu produzieren und dann auch noch Standards einzuhalten, die den Verbraucheransprüchen genügen wurden, sei ohnehin schon hoch genug. Schier unmöglich, das auch noch ohne Pestizide zu meistern. Beispiele aus dem Landwirtalltag machten deutlich, dass die Forderung von Kunden nach „makellosen“ Lebensmitteln, die zudem spottbillig sein sollen, mit dem Wunsch nach einer naturnahen Landwirtschaft nicht zu vereinbaren sind.

Bei einem war man sich jedoch einig: Pestizide machen das Leben zweifelsfrei bequemer. Kritiker warnen, dass dieses bequeme Leben einen zu hohen Preis habe. So ist jedes Pestizid ein Gift, das vielfältigste Schädigungen der Gesundheit und auch der Umwelt nach sich ziehen kann. Schon heute gibt es kaum eine Familie, die noch nicht von Krebs, von allergischen oder von neurologischen Erkrankungen betroffen ist.

Der Deutsche – ein „Allesfresser“?
Kein Wunder also, dass immer mehr Verbraucher zu biologischen Lebensmitteln greifen. Demgegenüber ist auch der Wunsch nach billigen Lebensmitteln eine allzu deutsche Erscheinung. So wurde berichtet, im Ausland sei schließlich bekannt, dass man nach Deutschland ruhig mindere Qualität (wörtlich: „den letzten Dreck“) liefern könne, da die Deutschen das nicht merken würden.

Rita Multerer vom Erzeugernetzwerk Brucker Land lieferte abschließend noch einen positiven Ausblick. Sie spreche mit vielen jungen Menschen und die seien durchaus auf dem Weg der Umkehr: weg vom Konsumwahn und zurück zu biologisch hochwertiger Ernährung, die gut schmeckt und auch gesund ist.

Weiterführende Links:
Pestizid Aktions-Netzwerk e. V.

BR-Mediathek: Gift im Essen – Wie gesund sind Obst und Gemüse wirklich?

BR-Mediathek: Ein Gläschen Glyphosat gefällig?

BR-Mediathek: Die undendliche Glyphosat-Story

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