Plastik – Fluch und Segen unserer Zeit

Julia Traxel, Diplom Biologin

Eigentlich weiß ich doch schon alles über das das Thema Plastik, dachte ich, als ich den Titel des Vortrags: Plastik – Fluch und Segen unserer Zeit, las. Schließlich gucke ich Filme wie Plastik Planet, sehe mir Dokumentationen im Fernsehen an und lese Artikel zu diesem Thema. Ich weiß, dass Plastik ein Kunststoff ist, eine polymere Verbindung aus Kohlenstoff und Wasserstoff und in unvorstellbaren Variationen zur nützlichen Verwendung kommt. Und zwar überall auf der Welt. Also ein Segen unserer Zeit. Der Makel: Sein Grundstoff ist Erdöl. Und Erdöl ist endlich. Was diesen Segen auf absehbare Zeit von geschätzten 25 bis 50 Jahren begrenzt.

Dass dieser Segen auch ein Fluch in sich birgt, ist längst kein Geheimnis mehr. Es ist sein Müll. Denn die Abbauzeiten von Plastik zurück in seine Grundelemente dauern, je nach Stofflichkeit, geschätzte 250 bis über 2000 Jahre. Das ist wahrlich eine viele Generationen überdauernde Zeitspanne. Zurzeit ist die Meeresverschmutzung durch Plastikmüll in aller Munde. Der Vortrag verspricht in seiner Ankündigung die Aufklärung darüber, was ich als Olchingerin mit all dem Plastikmüll in den Meeren zu tun habe, obwohl ich dort vor Ort nirgendwo welchen hinterlasse. Das interessiert mich. Ich gehe also hin.

Referentin ist Julia Traxel. Sie ist Diplom Biologin und befasst sich seit einiger Zeit mit dem Thema Plastik. Vom AGENDA 21-Büro Fürstenfeldbruck an die Schulen im Landkreis vermittelt, sensibilisiert sie in Form von engagierten Vorträgen und lebhaften Projekten junge Menschen für dieses brisante und in seiner Gefährlichkeit für Mensch und Tier immer noch weit unterschätzte Thema.

An diesem Abend bekommt das Publikum die Version für Erwachsene präsentiert: Julia Traxel beginnt mit Fakten und Zahlen, die beeindrucken. Da es dem Menschen im Allgemeinen an Vorstellungskraft dieser abstrakten Mengen fehlt, bedient sich die Referentin eines Vergleichs: In dem Zeitraum, in dem wir als Publikum ihrem Vortrag lauschen, würden in ganz Deutschland 2 Millionen Plastikflaschen verbraucht sein. Das ist wahrlich eine riesige Menge. Wo doch zum Bespiel Leitungswasser eine viel gesündere, frischere und überhaupt als best kontrolliertes Lebensmittel in Deutschland eine echte Alternative zum Wasser in Plastikflaschen bietet. Das beeindruckt. Und ich nehme mir vor, diejenige übrigens, die eh meist aus Glasflaschen trinkt, noch öfter das Wasserglas unter den Wasserhahn zu halten. Wasser aus Plastikflaschen trinke ich ohnehin sehr ungern.

Es schmeckt mir nicht. Und es steht unter Verdacht, dass sich bei den langen Transportwegen von Abfüllung bis zum Verbrauch gesundheitsgefährdende Stoffe vom Plastik ins Wasser abgesondert haben. Bei Säften bin in weniger konsequent. Und Milch trinke ich auch aus Tetrapacks, dabei gibt es das auch in Glasflaschen zu kaufen. Ich grüble.

Nachdem Julia Traxel über gesundheitliche Folgen und Giftstoffe hingewiesen hat, zieht sie das Fazit, dass Bioplastik bei Tragetaschen zum Beispiel auch keine wahre Alternative sei, wenn man bedenkt, dass für die nachwachsenden Rohstoffe Waldflächen gerodet werden. Somit bekommt die Biotasche, erkennbar an einem der zwei zertifizierten Label, gleich wieder eine negative Bilanz.

Nur PET lässt sich wirklich recyeln

Die Referentin kommt zum Thema Recycling. Da gibt es einen sogenannten Code, eine Kennzeichnung verschiedener Materialien zur Rückführung in den Wiederverwertungskreislauf. Erkennbar durch die drei kreisförmigen Pfeile, die den Verwertungskreislauf widerspiegeln sollen. In der Mitte steht eine Nummer, die das Material kennzeichnet. Darunter befindet sich meist noch ein Kürzel, das die Werkstoffgruppe angibt. Der von Julia Traxel vorstellte Plastik Code bezieht sich auf die Nummern 01 bis 07. Also von PET über PS, PU, PC, PP und PVC bis hin zu O für Other. In einer Graphik bekommen wir aufgedröselt, was sich hinter all den Abkürzungen verbirgt, welche Kunststoffe es in welcher Verwendungsform gibt und was für Gefahren von ihnen ausgehen. Kunststoffe, so scheint es mir, können so unendlich vielgesichtig sein. Da gibt es das Styropor, die Folien, die Gegenstände aus dem täglichen Leben, ich sitze auf einem Plastikstuhl, putze mir die Zähne mit einer Plastikzahnbürste, trage Plastikanteile in meiner Kleidung, Elastan empfinde ich auch hierbei als Segen, Goretex als Sensation… Meine Brille ist aus Plastik, die Zahnfüllung, ich schreibe auf einer Plastiktastatur, ich trage Wasser, geschöpft aus einem Plastikfass, in einer Plastikkanne zu meinen Pflanzen, ich schnalle mich mit einem Plastikgurt im Auto an… überall ist Plastik! Plastik ist nicht mehr wegzudenken. Aber es gibt auch Plastik, wo ich es gar nicht vermute. So klein, dass ich es gar nicht erkenne. Man nennt es Mikroplastik und befindet sich sogar in Duschgels, in flüssiger Seife, in Haarwaschmitteln, in Kosmetikartikeln, in Waschmitteln…. Mir wird klar, dass auch meine Peelingcreme kein Meersand enthält, sondern Mikroplastik. Zusätzlich, so wird es mir erklärt, gelangt noch pro Waschgang durch das Ausschleudern meiner Fleece-, Polyester-, Elastankleidung Mikroplastik in den Abwasserkreislauf.

Ich verschmutze also doch aktiv die Meere?

Denn, so erfahre ich, das Mikroplastik flutscht durch die Filter in den Kläranlagen, schwimmt munter in den Flüssen bis hin ins Meer und formiert sich dort mit allen anderen „Mikros“aus allen Menschenländern zu riesen großen Teppichen, die knapp unter der Meeresoberfläche schaukeln. Und deshalb können wir sie auch nicht sehen, meint Julia Traxel, nicht von einem Flugzeug aus und nicht vom Satelliten. Aber sie sind da. Und sie schattieren das Sonnenlicht, das somit nicht mehr in die tieferen Wasserschichten vordringen kann. Es wird ein Stück weit dunkler für das Plankton, welches das Sonnenlicht für die Photosynthese nutzt, um Sauerstoff zu produzieren. Plankton ist der größte Sauerstoffproduzent auf der Erde überhaupt, erinnert Julia Traxel. Und ich stelle mir vor, wie es einer Zimmerpflanze ergeht, die ich in einer lichtarmen Ecke platziere. Sie verzehrt sich nach einer gewissen Zeit von selbst, da der Rhythmus zwischen Photosynthese und Atmung gestört ist. Sie verkümmert. Da haben wir den Salat! Wir holzen nicht nur die Wälder ab, wir zerstören zudem noch unseren wichtigsten Sauerstoff-Lieferanten. Die Referentin bringt es auf den Punkt: Vergessen Sie den Klimawandel! Und vergessen wir kurz mal die Qual der Schildkröten, Vögel und Wale, die durch Plastikmüll ums Leben kommen. Dieses hier ist ein deutlich größeres Problem.

Mikroplastik ist ein deutlich größeres Problem

Au Backe! Was also ist die Lösung? Ein „Seekuh“-Schiff hinaus auf die Meere schicken, das den Plastikmüll einsammelt? Pipelineartige Schläuche auf die Meeresoberfläche legen, um den Müll abzufischen? Ein fast schon hilfloses Unterfangen. Julia Traxel setzt auf Müllvermeidung. Jeder einzelne von uns kann mit seinem Verhalten dazu beitragen, weniger Plastikmüll zu produzieren.

Müllvermeidung ist ein erster Schritt

Dazu projiziert sie eine weitere Folie auf die Leinwand, auf der mögliche Maßnahmen aufgezeigt sind: Ein dieses statt jenes verwenden … das wäre schon einmal ein Weg in die richtige Richtung: Pappmappen statt Schnellhefter, Stofftaschen statt Plastiktüten, Lebensmittel im Glas kaufen statt in Plastik oder Tetrapacks, Baumwolle statt Polyester, Eis in der Waffel statt aus dem Becher, Kaffee aus Keramiktassen statt im Mitnahmebecher usw. Bei diesen Beispielen stelle ich mir vor, dass Julia Traxel an diesem Punkt mit den Schülern noch viele, weitere Idee sammelt und denke mir selbst noch Möglichkeiten aus.

Eine Faustregel besagt, so Julia Traxel: Wenn schon Plastik, dann gilt: je dünner das Material, desto gefährlicher. Dünne Folien oder Beschichtungen sind stets mit mehr Vorsicht zu betrachten. Außerdem sollten in Plastikfolien verpackte Lebensmittel schnellst möglich umgepackt werden. Dickwandigere Schachteln sind besser, als hauchdünne Folien – und haben zusätzlich einen hohen Wiederbenutzungswert, bevor sie dann nach Jahren im Müll landen.

Am Ende leitet Julia Traxel mit einer Fabel in eine kurze Diskussionsrunde über: Eine Fabel die Mut machen soll und zeigen, dass jeder einzelne letztendlich doch etwas bewegen kann – in die eine oder in die andere Richtung: Ein Spatz wollte begierig herausfinden, was eine Schneeflocke wiegt. Nichts, sagten die Tiere, angefangen vom schlauen Fuchs bis hin zur weisen Eule. Eine Schneeflocke wiegt nichts, sie hat kein Gewicht, so der Tenor. Und doch zweifelte der Spatz, denn er beobachtete, wie ein Ast, auf dem schon viele, viele Schneeflocken hockten, ein einzig weiteres Flöckchen den Ast zum Abbrechen brachte.

Als ich mich auf den Heimweg machte, waren es dann schon 4 Millionen Plastikflaschen, die in den zwei Stunden in ganz Deutschland verbraucht worden waren. Irgendwie dann doch unvorstellbar!

Bericht von Urte Langer über die Veranstaltung: Plastik – Fluch und Segen unserer Zeit vom 27. Juni 2017 im Haus der Begegnung – veranstaltet von der AGENDA 21 Olching

 

 

 

 

 

 

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Ist Mikroplastik in meiner Kosmetik enthalten?

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